... manchmal nenne ich es Schmuck

... und manchmal nenne ich es Schmuck

Ich gestalte Etwas und manchmal nenne ich es Schmuck.

Sehr geehrter Herr A.,

es ist nicht gerade leicht schriftlich zusammenzufassen, was ich bisher gemacht habe. Eines wird mir aber immer bewusster, dass Schmuck eine meiner lieblings Beschäftigungen ist. Mit jeder neuen Arbeit betrete ich einen Pfad, den ich schon etliche male gegangen bin, der mich aber überraschender Weise schon vom ersten Schritt an immer woanders hinführt!

Im Jahre 1985 unterbrach ich ein Kunst- und Kulturtheoriestudium in Leipzig. Ich wollte etwas praktischeres tun und ging deshalb nach Halle, wo ich meinen Gesellenbrief machte und bis 1993 im Fachbereich Kleinplastik/Schmuck an der Hochschule für Kunst und Design „Burg Giebichenstein“ studierte. Bis 1997 war ich selbständig tätig und seit 1997 bilde ich, an der Staatlichen Berufsbildenden Schule Arnstadt (Thüringen), Goldschmiede aus.

Solange ich Schmuck mache nehme ich an Wettbewerben teil. So habe ich immer wieder die Möglichkeit mit vielen anderen am selben Thema zu arbeiten und dann zu vergleichen. Als Gestalter versuche ich, weitestgehend unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen und Modeerscheinungen zu arbeiten. Nur wenn ich es schaffe mich der üblichen Denkweise zu entledigen, kann ich etwas Neues (wirklich innovatives) schaffen, was aus der Masse der oft nur oberflächlich gestalteten Dinge herausragt. Ich möchte Geschmack bilden und nicht folgen. Ich möchte nicht nur am Lack kratzen. Gestalten heißt einer Idee Gestalt zu verleihen.

Ich frage mich immer wieder, wenn ich an einem neuen Wettbewerb arbeite, ob ich vorbehaltlos und unvoreingenommen bin. Dabei versuche ich über das Thema hinaus mir auch vorzustellen, wie die Arbeiten der anderen wohl sein werden (Zeitgeist ist Ausdruck eines Massenverhaltens). Gerade wenn die Themen anfangs nichts herzugeben scheinen, lohnt es sich gründlich darüber nachzudenken (den Dingen auf den Grund zu gehen). Bei den Ergebnissen findet man immer wieder Arbeiten, die zu jedem anderen Thema auch gepasst hätten!? Einige Arbeiten kann man sogar schon an der „Handschrift“ sofort zuordnen. Eine formale Handschrift zu pflegen, damit man um jeden Preis wieder erkannt wird, finde ich hinderlich- man zitiert sich ständig selbst.

Ich möchte an einigen Beispielen meine Herangehensweise aufzeigen.

Symbol III Award 2001 zum Thema Schmuckset

Üblicherweise werden mehrere Schmuckstücke als Set angesehen, wenn sie durch äußere, verbindende Merkmale aufeinander abgestimmt sind z.B. durch eine Wiederkehrende Form, Farbe, Ornament, Edelsteinart oder einfach durch Ändern der Größe. Die Funktion und die Trageweise des einzelnen Schmuckstücks wird weitestgehend vom Einsatzort am Körper bestimmt (z.B. Ohrhänger oder Ohrstecker, Halsschmuck oder Halskette, Brosche oder Anstecknadel, Fingerring oder Armreifen usw.) Bei der Gestaltung und der Fertigung der einzelnen Set-Teile handelt es sich um die Fertigung einzelner Schmuckstücke, welche auch getrennt von einander getragen ihre Funktion behalten und Ihre schmückende Aufgabe erfüllen.

Bei meinem Schmuck-Set ist die Zusammengehörigkeit der einzelnen möglichen Schmuckanwendungen nicht mehr nur gedachter Natur (oberflächlich-subjektiv), sondern aus der tatsächlichen Einheit des Schmuckstückes objektiv gegeben.

Es bleibt der Fantasie und Offenheit des Trägers, wie der Schmuck nach Außen wirkt.

Bei der Gestaltung der goldenen Amtskette für den Halleschen Oberbürgermeister (1993) habe ich die üblichen geschichtlichen Darstellungen bzw. Ereignisse und Personen bewusst gemieden, weil Diese bereits vor mir subjektiv gewertet und gesellschaftlich vorselektiert wurden und somit nie die Wirklichkeit wiederspiegeln. Die Kette, welche ich mit meiner Arbeit abgelöst habe, war in den vergangenen Jahrzehnten mehrmals den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechend umgestaltet worden (durch auswechseln der unangemessenen Teile)! Ich wollte meiner Arbeit ein ähnliches Schicksal ersparen. Für meine Amtskette habe ich Türme wichtiger Gebäude in Halle verwendet, welche aus dünnem Gold herausgedrückt und hohl montiert wurden. Türme haben geringen praktischen Nutzen, um so mehr stehen sie symbolisch für unverzichtbare Eigenschaften eines Stadtoberhauptes wie Überblick, Weitblick u.Ä. Architektur (die Form) bleibt bestehen, auch wenn sich ihr Inhalt irgendwann ändert. Heute stehen diese sechs Türme in Halle an der Saale auf dem Gerichtsgebäude, auf dem Landratsamt und als Wasserturm. Der „Rote Turm“ auf dem Marktplatz steht für das Hallesche Bürgertum und ihm gegenüber die Marktkirche mit ihren vier Türmen. Ich hoffe, dass so meine Arbeit Bestand haben wird, über die unausweichlichen, gesellschaftlichen Veränderungen und Interpretationen hinaus.

Ein zweiter wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist die Entwicklung von Schmuckfunktionen. Es gibt viele Dinge im Leben die gut sind, so dass sie lange Zeit keine wesentliche Veränderung erfahren. Meist sind es praktische Dinge bei denen sich nur das Dekor ändert. Man nimmt eine bewehrte Funktion (Mechanik, Schnittbogen usw.) und gestaltet nur an der Oberfläche. Wenn man einen Gegenstand zum ersten mal sieht und vom Aussehen (Form) auf den Inhalt schließen kann oder sogar die Funktionsweise sofort begreift, dann liegt es meistens am guten Design. Innovativ ist aber für mich das, was beim ersten mal anschauen zum Fragen anregt. Das heißt, wenn eine der Komponenten „Inhalt“, „Form“, „Funktion“ noch nicht Allgemeingut ist und daher zuerst Fragen, vielleicht Unverständnis oder sogar Ablehnung hervorruft. Neue Dinge werden unweigerlich an veralteten Maßstäben gemessen. Jemand hat mal trefflich gesagt: „Nicht die Erfinder sind Ihrer Zeit voraus, sondern die Masse hinterher.“

Sehr geehrter Herr A., wenn ich so über meine Arbeiten nachdenke und darüber schreibe, fällt es mir auf, dass ich eigentlich nach einem objektivierbaren Kriterium für Schmuck suche. Nur „Schön“ ist für mich sehr relativ und unbeständig. Ich versuche schöpferisch, im wahrsten Sinne des Wortes, zu sein, etwas in die Welt zu entlassen, was hoffentlich nicht nur ich als „gelungen“ empfinde. Gute Gestaltung ist für mich viel mehr als schöne, glänzende Dinge aneinander zu reihen. Ich verstehe es aber auch, dass der große Schmuckmarkt viele Oberflächengestalter braucht. Der meiste Schmuck sieht wie Schmuck aus. Den kaufen auch nur Menschen, die nicht mehr als ein unerklärliches Bedürfnis verspüren sich etwas umhängen zu wollen, das „Schmuck“ genannt wird.

Es bleibt die Frage:

Ist Schmuck das, was man Schmuck nennt, oder was man damit macht?

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